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Niziolek; © Musikakademie der Stadt Kassel Janusz Niziolek

Die Person des Monats

Janusz Niziolek, Dozent für Gesang und Szenischen Unterricht an der Musikakademie, blickt auf seine mehr als 40jährige berufliche Tätigkeit zurück.


Lieber Herr Niziolek, 2018 blicken Sie nicht nur auf eine langjährige Tätigkeit als Dozent für Gesang und Szenischen Unterricht an der Musikakademie zurück, sondern auch auf eine vierzigjährige Karriere als Sänger und Pädagoge. Was sind für Sie die wesentlichen Stationen Ihres Werdegangs?

Eigentlich, freue ich mich jetzt schon auf die Zeit, wo ich nach 26 Jahren nicht jede Woche nach Kassel fahren muss und meinen weiteren Verpflichtungen viel selektiver folgen kann, ohne stets den Stress der Zeit zu empfinden...

Aber zu Ihrer Frage: Es ist kaum möglich, die vier Jahrzehnte mit der Studienzeit in drei Gesangsschulen, einer Konzert- und Opernlaufbahn, sowie pädagogischer Karriere in wenigen Sätzen zu fassen.

Dennoch versuche ich es: Ich bin im Geiste des vielseitigen und des großangelegten Wissens aufgewachsen. Daher in erster Linie zählen für mich im Leben drei wichtige Säulen:

  1. eine fundierte Ausbildung (ggf. bestätigt durch Wettbewerbsteilnahmen)
  2. ein umfangreicher künstlerischer Werdegang mit Konzert- und Opernlaufbahn als Sänger-Darsteller in allen Stil-Richtungen,
    sowie
  3. die aufrundende Gesangspädagogik mit Weitergabe des Wissens an die junge Generation.

So wurde ich selbst zunächst als Sänger und Schauspieler bei Antoni Majak an der damals führenden polnischen Musikhochschule in Lodz in der berühmten slawischen Tradition ausgebildet.

Im Anschluss daran habe ich jedoch alles darauf gesetzt die Studien postgraduiert durch:

  • die italienische Gesangsschule (bei Rina und Mario del Monaco)
    und
  • die deutsche Gesangskultur incl. "Mozartstil" als Meisterschüler bei Elisabeth Schwarzkopf und bei Josef Metternich,
    zu ergänzen.

Dabei einen absoluten Höhepunkt stellte für mich die Studienzeit mit mehreren Weltstars in Herbert von Karajans-Gesangsstudio in Salzburg dar.

Parallel folgte für mich die übliche Phase der Selbstfindung und Bestätigung durch die mehr oder weniger erfolgreiche Teilnahmen an mehreren internationalen Gesangswettbewerben. Dieses mündete im alleinigen Gewinn beim internationalen Gesangswettbewerb in Toulouse mit Premier Grand Prix und weiteren Preisen und Auszeichnungen.

Mein Bühnendebüt "auf den Brettern, die die Welt bedeuten" durfte  ich bereits im 3. Studienjahr 1975 am Musiktheater in Lodz erleben, wo ich dann 1976 in dortiger Philharmonie mein Konzert- und kurz darauf am Staatstheater Lodz mein Operndebüt feierte. Dies war damals sehr außergewöhnlich, da für die Studierenden ohne Erlaubnis des Rektors ein "Arbeitsverbot" galt, um das Studienziel nicht zu gefährden! Jedem, der sich daran nicht hielt drohte Studienplatzverlust. Nur die Besten erhielten eine Genehmigung und durften es. Es waren halt ganz andere Zeiten als heute....

Ich wechselte dann nach Deutschland und sang an mehreren Opernhäusern zunächst als ein Ensemble-Mitglied, später auch als Gast. Während meiner 4 Spielzeiten an der Hamburgischen Staatsoper hatte ich mehrere Highlights. So wurde ich im italienischen und deutschem Fach immer wieder als Partner von damaligen Stars besetzt und dadurch konnte ich ein weiteres Reichtum an Erlebnissen und Erfahrungen sammeln, die mich als Pädagoge ebenfalls geprägt haben. Danach folgten mehrere Einladungen zu Operngala-Aufführungen z.B. an der Seite von Placido Domingo und Francisco Araiza.
Das Staatstheater Kassel hat mich 1992 mit einem Fachvertrag als 1. Seriöser und schwerer Spielbass hierher gelockt und die 4 Spielzeiten waren für mich, mit bis zu 10 Produktionen pro Saison(!) ebenfalls sehr intensiv. Dennoch eine so genannte Gesangskrise erlebte ich nie... Gott sei Dank!

Von Anfang an pflegte ich intensive Jahre als Konzertsänger mit Auftritten in mehreren Ländern und Kontinenten (u.a. auch ein Auftritt am Theater in Vina del Mar - während eines Erdbebens in Chile! Die Kritiker lobten meinen Mut).  Krzysztof Penderecki lud mich persönlich zu seinem Festival in meine Geburtsstadt Krakau ein. Dort sang ich seinem Herzenswunsch folgend - als Leitsänger - zunächst die Bariton-Hauptpartie in "Lucas-Passion" und dann anschließend als erster polnischer Basso profondo in der Musikgeschichte in "Utrenija I" und "Utrenija II" in der Weltpremiere seines Triptychons an gleichem Abend. Es war ein einmaliges Erlebnis in vielerlei Hinsicht. Viele Medien waren vor Ort, der polnische und deutsche Rundfunk und Fernseher übertrugen alles "live".

Die Krakauer Staatsoper hat mich daraufhin einige Jahre später eingeladen, bei einer Gala-Opernaufführung Verdis "Nabucco", den Zacharias, zu singen (ebenfalls mit TV-live-Übertragung). Ich war sehr froh meinen Eltern im Publikum für die Jahre der Unterstützung und Entbehrungen auf diese Weise vom Herzen danke sagen zu können.

Ein weiterer polnischer Komponist, Roman Maciejewski wünschte sich danach, dass ich sein epochales "Requiem Pro Defunctis" singen möge und Polnische Gramophon (Polskie Nagrania) hat mich eingeladen die dominante Basso profondo-Partie aufzunehmen. Diese Mammut-Produktion fand in der National-Philharmonie Warschau statt und wurde anschließend dort. sowie beim berühmten Wratislavia Cantans Festival in Breslau "live" aufgeführt.
Später wurde diese LP- und CD-Einspielung mit vielen Ehrungen bedacht und so wurde auch ich mit dem Qualitätspreis der Polnischen Phonographischen Akademie "Fryderyk 2011" ausgezeichnet.
Nach dem kürzlich WARNER Music die Polskie Nagrania übernahm, wurde 2018 die besondere Bedeutung dieser Aufnahme mit einer Neuauflage unter dem neuen Label, gewürdigt.
 
Während ich damals, direkt nach meinem Diplom im Mai 1978, als Lehrer mit einer eigenen Gesangsklasse an der Musikschule Lodz betraut wurde, wusste ich noch nicht wie prägend dies für mich und mein weiteres Künstlerleben sein wird. Als ich später nach circa 20 Bühnenjahren erneut eine eigene Gesangsklasse, sowie die Klasse des Szenisch-dramatischen Unterrichtes an der Musikakademie Kassel übernahm ahnte ich auch nicht, dass ich hier fast 23 Jahre tätig sein würde. Während dessen folgte ich auch noch dem Ruf als österreichischer Professor für Hauptfach Gesang mit Klassenleitung am Salzburger "Mozarteum".

Es waren dabei viele großartige Erlebnisse, die mir viele Momente des absoluten Glücks bescherten. Vor allem, wenn meine Absolventen nicht nur am Theater feste Stellen fanden, sondern auch einige von ihnen schon selbst Professoren geworden sind und hervorragende pädagogische Arbeit leisten.

Deswegen bin ich sehr dankbar an der Musikakademie Kassel am 14. Mai 2018 mit einer open masterclass mein pädagogisches Jubiläum mit "40 Jahre moderne Gesangspädagogik" feiern zu dürfen.

Wenn ich mich ab Herbst weiteren Projekten widmen und in dem berühmten (Un)Ruhestand befinden werde, würde es mich sehr freuen die enge Verbindung mit der Musikakademie weiter leben zu lassen.


Sie verfolgen die Entwicklung der Gesangsmethodik seit den 1970ern. Inwiefern haben sich die Kunst des Singens und der Geschmack des Publikums verändert?

Darüber möchte ich gerne ein Buch schreiben und hoffe es bald umsetzen zu können, denn die Veränderungen auf diesem Gebiet lassen sich nicht in wenigen Sätzen beschreiben.
Es fand eine Umwandlung statt, die von der Tradition abgewichen ist und verstärkt auf den wissenschaftlichen Ergebnissen basierend dominiert und weniger die Intuition aufkommen lässt.
Eins ist aber sicher, dass sowohl Elisabeth Schwarzkopf, die mich über 7 Jahre betreute, wie auch Herbert von Karajan in seinem Gesangsstudio in Salzburg, wo ich als einer der 30 Talente ein Jahr intensiv studieren durfte, schon damals ein derartig selektives Gehör hatten, dass das mit den heutigen Computer-Programmen für die spektrale Klanganalyse absolut gleich zu stellen ist und ihrer Zeit voraus eine sichere, wiederholbare Interpretation auf der Basis von Technik, vermittelten.


Inwiefern haben sich die Kunst des Singens und der Geschmack des Publikums verändert?

Wir leben in einer kurzlebigen Zeit und oft werden leider selbst ungeduldig. Darin sehe ich eine Gefahr.
Die Kunst des Singens wurde eigentlich mit den Jahren immer mehr erforscht und eigentlich perfektioniert, aber wegen der szenischen Umsetzung oft wiederum vernachlässigt.
Die Sänger unterliegen dem Diktat der Ausstatter und der immer schneller gewordenen Wiedergabe der Musik. Das so genannte "Aussingen" findet kaum noch statt.

Die Mehrheit des Publikums betrachtet Konzerte und Vorstellungen als Ganzes, ohne ins Detail gehen zu wollen, dem Geist der kurzlebigen Werte und Zeit folgend.
Die Sänger bekommen kaum noch Zeit um zu wachsen und sich sängerisch bzw. darstellerisch zu entwickeln. Sie müssen sofort alles haben und einsetzen und dabei gehen sie stimmlich zunehmend kaputt.


Ihre Ausbildung absolvierten Sie im kommunistischen Polen. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Heute in Europa, aber auch in Polen wird von der kommunistischen Vergangenheit gesprochen, was aber nicht ganz richtig ist. Denn es ist lediglich geläufig diesen Begriff für die Staats- und Gesellschaftsform als ein Schimpfwort für die Anhänger der damaligen Zeit auszusprechen...
Nach offizieller Bekundung waren es aber die Zeiten der "Diktatur des Proletariats". Es trifft auch besser den Nagel auf den Kopf!
Ich habe mich eigentlich nie für die Politik interessiert, da ich gerne - ebenfalls, wie mein späterer Förderer und Regisseur Sir Peter Ustinov - ein (Musik)Weltbürger sein wollte.

Die staatlichen Medien waren in den 1970gern stets voll von ähnlich klingenden Aussagen und Berichten; u.a. dass: "Polen sich offiziell auf dem Wege zum Sozialismus befindet, wie die anderen Staaten des Ostblocks auch". Man verkündete: "Die Schwierigkeiten sind nur vorübergehend und es wird alles besser, nachdem wir dem großen östlichen Bruder UdSSR geholfen haben. Die UdSSR hat Sozialismus bereits erreicht und soll sich nun weiter auf dem Wege zum Kommunismus befinden. Danach wird es auch uns besser gehen...".
Das konnten viele Menschen sehr lange leider nicht in Augenschein nehmen, da zumindest ohne einer persönlichen Einladung durfte man in keine der damaligen einzelnen Republiken der UdSSR einreisen.

Ich hatte Verwandte in der Republik Ukraine und durfte diese mit meiner Mutter bereisen. Dazu durfte ich auch einmal auf eine Tournee von Minsk, über Moskau nach Leningrad gehen und dazu nach einem nationalem Vorauswahlwettbewerb Polen beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau 1978 repräsentieren.
Ich sah dort überall noch mehr Armut als bei uns, war sehr schockiert und hörte wie die dortigen Medien es verkündeten: "Die Engpässe und die schwere Lage der UdSSR ist nur vorübergehend, da wir den gesamten Ostblock finanziell unterstützen müssen. Es wird uns auf jeden Fall bald besser gehen...". 

Die schlechte allgemeine Versorgungslage in Polen 1970ziger Jahre (nur Lebensmittelkarten, alles reglementiert, überall stundenlang Schlange anstehenden Menschen, Nachmittags vorwiegend leere Geschäfte, Verkäufer warteten auf die Lieferungen und hatten Zeitungen gelesen bzw. Kreuzworträtsel gelöst) und politisch war es ebenso schwierig.

Der eiserne Vorhang ließ nur wenige Menschen ausreisen und meistens nur in die Länder des ehemaligem Ostblocks. Um in den Westen fahren zu können musste man lange warten bzw. offiziell auf den staatlichen Bankkonten mindestens 150 $ besitzen, was damals in Polen mehr als einem guten 3-Monatseinkommen entsprach.

Die Musikhochschulen in Polen hatten Unterrichte und Vorlesungen 6 Tage die Woche von 8-20 Uhr. Die Überäume waren rar, selbst auf den Toiletten wurde geübt.
Die Lehrkräfte waren sehr gut und stets engagiert und versuchten die Engpässe mit viel Unterricht auszugleichen.
Nicht nur in Polen gab es kaum neue Noten zu kaufen, die Antiquariate florierten, da Fotokopierer verboten bzw. staatlich kontrolliert wurden. So wurden wir gezwungen einfach vieles eigenhändig abzuschreiben.
Wer das Glück hatte und z.B. die Ostmark mit einem Limit für 5 Jahre erwerben durfte, um in die DDR zu fahren, der sah dort einen sichtbaren Wohlstand, beneidend saubere Städte und keine leeren Geschäfte.
Dort konnte man immer wieder Mal neu erscheinende Noten von Peters Leipzig ergattern. Aber es gab nichts vorrätig, alles nur "frisch" verlegt und dann war es halt wieder Mal weg. Es hieß, es ist besser weil der Osten und der Westen dort den DDR-Staat unterstützt.
Die Musiker waren dort sehr geschätzt, die Gagen waren umgerechnet recht hoch und im Vergleich viel besser als heute.


Was kann Deutschland von Polen im Hinblick auf die Qualität der Ausbildung von Musikerinnen und Musikern lernen?

Es wäre sehr wünschenswert, dass in Deutschland:

  • Die Kosten für die musikalische Ausbildung nicht nur von den jeweils betroffenen Familien getragen werden.
  • Musik und Kunst entschieden mehr staatliche Unterstützung aber auch an Ansehen dazu gewinnen.
  • Die Schulnachmittage sehr wohl für den parallelen Besuch einer Kunst- oder Musikgrundschule, eines Musikgymnasiums möglich sind.

In Polen...:

  • werden in Musikschulen aller Stufen nicht nur Instrumente und Gesang, sondern adäquat (neben dem Hauptfach) die Musikgeschichte, Tonsatz, Gehörbildung, Solfeggio etc. in einer für ein Studium vorzubereitenden Form, unterrichtet.
  • sind in jeder Stadt mehrere Musik-Institute, die mit staatlicher Unterstützung existieren und viel Nachwuchs ausbilden.
  • ist der musikalische Nachwuchs motiviert, positiv ehrgeizig und sehr engagiert, da die Musiker im Allgemeinem ein hohes gesellschaftliches Ansehen genießen und ihnen stets mit gebührender Bewunderung begegnet wird.

Denn Musik zu studieren bedeutet viel Zeit zum Üben zu entbehren und das schon alleine  ist bewundernswert.

Es gibt dort für besondere Talente, die aus finanziell schwachen Verhältnissen kommen. verschiedene staatliche Förderungsformen und Stipendien, die die Ausbildung ermöglichen.


Zum Abschluss: Was möchten Sie den Studierenden der Musikakademie auf den Weg in Berufstätigkeit mitgeben?

Respekt vor einer erbrachten künstlerischen Leistung, sowie Geduld zum Üben nicht zu verlieren, um lebenslang selbst noch besser sein zu wollen.
Kraft bei Alltagsbewältigung und Glück in der Wahl von Vorsingen und Vorspiel-Terminen, sowie Erfüllung im Beruf. Final: Ein ausreichendes Einkommen, dass eine Familie davon leben kann.


Vielen Dank für das Gespräch - wir drücken Ihnen die Daumen und wünschen Ihnen für den bevorstehenden Ruhestand alles Gute!


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